Auflage: 1. Umfang (Seiten): 336 Format: 13 x 21 cm Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen Programmsparte: Sachbuch Art.Nr.: 1316 ISBN-13: 978-3-7666-1316-5
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Wenn am Totensonntag in den evangelischen Kirchen die Namen der Verstorbenen verlesen werden, dann steigt in den Hinterbliebenen wieder die Trauer hoch – der Schmerz um den Verlust, den sie in diesem Jahr erlitten haben. Viele werden anschließend den Friedhof besuchen und innehalten am Grab ihrer Verwandten oder Freunde. Doch die Tradition schwindet in dem Maße wie sich die Bestattungs- und Trauerkultur wandelt. Ein Wandel, auf den sich das Handwerk einstellen muss. ...
Reiner Sörries hält Vortrag in der Volkshochschule
Höxter (nw/lek) Popmusik? Bemalte Särge? Anonyme Bestattung? Fast alles ist heute möglich. "Die Menschen trauern wie sie wollen", dieser Aussage möchte Professor Reiner Sörries nachgehen. Dazu hält der Leiter des Kasseler Museums für Sepulkralkultur (die Kultur des Todes, des Bestattens und des Trauerns) am Mittwoch, 16. Februar, einen Vortrag. Los geht es ab 19.30 Uhr im Haus der Volkshochschule am Möllingerplatz.
Es sind viele Fragen, die Sörries klären möchte. Eine der wichtigsten ist: Was sagt die Kirche zur Entwicklung der Bestattungskultur? Es gibt immer mehr verschiedene und individuelle Möglichkeiten der Bestattung. Laut Bundesverband Deutscher Bestatter werden täglich neue Särge erfunden. Gleichzeitig gingen immer häufiger bewährte Traditionen verloren. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg habe es einen großen Umbruch in der Bestattungskultur gegeben. ...
Reiner Sörries schlägt den Bogen der Geschichte rund um das Thema Bestattung von der Antike bis in die heutige Zeit. Er zeigt dabei die Kulturgeschichte des Friedhofs auf, die auch immer einen Spiegel für die Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft darstellt.
In diesem Jahr hat Reiner Sörries, Pfarrer, Professor für Christliche Archäologie und seit 1992 Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, eine umfangreiche Veröffentlichung zur Kulturgeschichte des Friedhofs vorgelegt. Entstanden ist gleichsam das sehr gut lesbare Opus Magnum zum Thema, welches allen Interessierten nur sehr zur Lektüre (und zum Kauf) empfohlen werden kann. Natürlich muss eine Kulturgeschichte des Friedhofs in der Vergangenheit beginnen und dann zur Gegenwart fortschreiten. Bereits im Vorwort verspricht der Autor eine Schwerpunktsetzung bei der jüngeren Entwicklung und formuliert die These, dass »die Geschichte des Friedhofs, so wie wir ihn kennen oder zu kennen glauben, nach 2000 Jahren ihren Abschluss findet. Das einheitliche System des Friedhofswesens weicht in Zukunft einem schillernden Spektrum von Beisetzungsmöglichkeiten.“ Er thematisiert und problematisiert damit eine Entwicklung, wie sie bereits in anderen Veröffentlichungen immer wieder dargestellt wurde.[1] Der eigentliche Zweck des Friedhofs, nämlich die Bestattung, hat sich nie geändert; allerdings war und ist die den Friedhöfen innewohnende Interpretation des Todes (und des Lebens) einem steten Wandel unterworfen. Auf der anderen Seite offenbaren die Veränderungen im Bestattungsverhalten aber auch ein nie dagewesenes Interesse der Menschen an Fragen von Sterben, Tod und Trauer. – Vereine wie die Paul-Benndorf-Gesellschaft zu Leipzig greifen dieses Interesse auf.
Vom Totenacker zum Komposthaufen - Reiner Sörries Geschichte des Friedhofs
Bestattet wurde schon immer, der öffentliche Friedhof allerdings ist eine Erfindung des Christentums. In der Antike war Bestattung reine Privatsache. Für das eigene Grab musste jeder selbst vorsorgen. Wer es sich leisten konnte, baute seiner Familie eine repräsentative Grabstätte, die Leichname der wachsenden Unterschichten in den Großstädten hingegen wurden in Massengräbern und Müllgruben entsorgt. Im alten Rom, wo Gräber Immobilienwert besaßen, war das Bestattungswesen weitgehend von ökonomischen Gesichtspunkten geprägt, und so mutete die Botschaft der frühen Christen beinahe revolutionär an: Jeder Christenmensch sollte einen Platz unter der Erde finden, unabhängig von seinem Stand und Vermögen. An Stelle der Familie übernahm für die nächsten zwei Jahrtausende die Gemeinschaft - zunächst die Kirche, später die örtliche Kommunen - die Totenfürsorge. Erst in den vergangenen Jahren setzte sich wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch in der Bestattungskultur der Trend zur Individualisierung durch. Angesichts der vielfältigen alternativen Bestattungsformen zu Wasser, zu Lande und in der Luft, so Reiner Sörries, erscheint der herkömmliche Friedhof als Auslaufmodell.
Von der Aschestreuwiese über den Erinnerungsdiamanten bis zum Ökosarg: Die überaus lesenswerte Kulturgeschichte des Friedhofs von Reiner Sörries führt eine Bestattungskultur im Umbruch vor Augen.
Der Wiener Zentralfriedhof hatte verwilderte Ecken, in denen man wunderbar hätte herumtollen können. Aber dorthin ging es ja gerade nicht, sondern den Eltern hinterdrein zu den monotonen neuen Gräberreihen, die so endlos wirkten. Die Steine mochten die eine oder andere Abwandlung zeigen, die eingefassten Beete mit dieser oder jener robusten Bepflanzung versehen sein - man musste sich trotzdem die Nummer der Reihe einprägen, um das richtige Grab auch wirklich zu finden.
... Sörries ist ein milder Mensch mit Vollbart, er hat gerade ein dickes Buch mit Namen "Ruhe sanft" veröffentlicht, es geht um die Kulturgeschichte des Friedhofs und ist trotzdem spannende Lektüre. Sörries kennt sich aus, und er ist keiner, der pauschal über einen Kulturverfall wettern würde. Er schaut sich die Sachen im Einzelnen an und zieht danach seine Schlüsse.
"Eine Privatisierung der Trauer", sagt er, "darf es nicht geben." Für ihn sei es undenkbar, dass sich Hinterbliebene die Toten so aneigneten, dass sie ganz von der Bildfläche verschwinden. "Wer soll denn die Urne des Vaters bekommen, wenn eine Familie zerstritten ist?", fragt er. "Und was ist mit dem Diamanten? Ist das überhaupt eine Bestattung? Ein Abschied? Oder bleibt der Tote damit nicht für immer und ewig?"
Trauer verwandle sich von Abschieds- in "Bleiberituale", sagt Sörries, bis hin zu einer regelrechten Vergötzung der endlosen Traurigkeit. Eltern stellten Leichenbilder ihrer gestorbenen Babys im Internet zur Schau, um ihr Leid mit aller Welt zu teilen, anklickbar bis in alle Ewigkeit, "aber das finde ich pornografisch". ...
In den letzten Jahrzehnten hat die Bestattungskultur einschneidende, ja geradezu dramatische Veränderungen erfahren. Ein kleiner werdender christlicher Bevölkerungsanteil, eine Vielzahl bunter privater Vorstellungen von Sterben und Tod, die wachsende Präsenz nichtchristlicher Religionen in Deutschland sowie eine Ökonomisierung im Umgang mit dem Tod haben auch weithin noch gar nicht recht wahrgenommene, aber schon heute und erst recht
in naher Zukunft wirksame Auswirkungen auf die Gestaltung der Friedhöfe. Im Verzicht auf das Ritual bei immer mehr Bestattungen, in Privatisierung und Anonymisierung neuer Formen wie etwa dem Ausstreuen der Asche dokumentiert sich die Individualisierung unserer Gesellschaft, so daß die Toten an der gesellschaftlichen Mobilität teilhaben - und das eben auch mit erheblichen Auswirkungen auf den Friedhof.
Eine gut lesbare, allgemein verständliche Geschichte des Friedhofs von den Anfängen im Frühen Christentum bis zur Gegenwart. Dabei vertritt der Autor die provozierende These, dass die 2000-jährige Erfolgsgeschichte des kollektiven, von der Gemeinschaft getragenen Friedhofs im 21. Jahrhundert zu Ende geht. Die Rückkehr zu antiken, vorchristlichen Verhältnissen hat begonnen.
Der Umgang mit den Toten ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Entsprechend hat sich die christliche Bestattungskultur in den letzten 2000 Jahren kontinuierlich verändert und den sozialen Entwicklungen angepasst - von den Katakomben der frühen Christen über den kollektiven Friedhof hin zur Waldbestattung und zur Verwandlung in "Erinnerungsdiamanten". Letztere markieren den aktuellen Umbruch. Das lang bewährte "Erfolgsmodell" des von der Gemeinschaft getragenen Friedhofs scheint zugunsten eines schillernden Spektrums von Beisetzungsmöglichkeiten für die individualisierte Gesellschaft seine Tragfähigkeit zu verlieren. Wie geht es weiter? Ein Blick in Geschichte und Zukunft.